Alexa - verlässlicher Traffic-Indikator oder Spielerei ohne Aussagekraft?
Es gibt verschiedene Gründe, sich für den Traffic anderer Webseiten zu interessieren. Beispielsweise wenn es darum geht, interessante Online-Werbeflächen zu identifizieren. Das Problem ist nur: Wenn die Mediadaten der betrachteten Seite nicht durch IVW oder AGOF geprüft sind, gibt es keine offiziellen Daten, und damit zunächst keine Möglichkeit, die “eigenen Angaben” der Webseitenbetreiber zu prüfen. Das meisteingesetzte Tool um hier Abhilfe zu verschaffen ist Alexa. Alexa rankt alle Webseiten nach Traffic (gewichtet nach Visits und PIs) und gibt an, welcher prozentuale Anteil des weltweiten Traffics auf die betrachtete Seite entfällt.
Der Haken an der Geschichte: Die Alexa-Daten entstehen outside-in - gezählt werden nur die Visits und PIs von Besuchern, die die Alexa-Toolbar installiert haben (und hier gibt’s die Toolbar). Was zunächst vielleicht etwas abwegig erscheinen mag, basiert exakt auf dem gleichen Prinzip, nach welchem auch TV-Einschaltquoten ermittelt werden: Auch hierfür zählen keineswegs alle Haushalte, sondern nur die wenigen, die mit einem speziellen Messgerät ausgestattet sind. Und das sind sehr wenig, in Deutschland gerade mal jeder 10.000. Dennoch ergeben sich nach dem Gesetz der großen Zahl verlässliche Ergebnisse - die relativ geringe Verbreitung der Alexa-Toolbar ist also kein so großes Problem.
Das Problem liegt nicht an der Menge der Alexa-Installationen, sondern deren Verteilung: Während die TV-Messgeräte zentralistisch an ein repräsentativ zusammengestelltes Haushalts-Panel verteilt werden, ist die Verteilung der Alexa-Toolbar-Installationen alles andere als repräsentativ. Der durchschnittliche Internetnutzer hat von Alexa noch nie was gehört (und auch keinen Bedarf an der Toolbar). Wer dagegen die Toolbar installiert hat, gehört hauptsächlich zur Gruppe der Webworker - mehr oder weniger professionelle Internetnutzer, die ein aktives Interesse für die Größe anderer Seiten mitbringen. Da diese Webworker natürlich ein ganz anderes Surfverhalten an den Tag legen als Durchschnittsuser, ergeben sich in den Alexa-Werten enorme Verzerrungen. Eine Seite, die ein Online Collaboration Tool anbietet, würde von Alexa zum Beispiel extrem überbewertet im Vergleich zu einer Seite für Kleingärtner.
Dies heißt jedoch keinesfalls, dass Alexa-Statistiken nicht besonders aussagekräftig wären - man muss lediglich bei der Interpretation etwas Vorsicht walten lassen. Faustregel: Je größer eine Seite ist, desto stärker wirkt das Gesetz der großen Zahl und desto näher liegt die Alexa-Statistik an der Realität. Das folgende Beispiel zeigt etwa die Alexa-Fieberkurve von Myminicity, über dessen kometenhaften Aufstieg wir hier berichtet hatten. Seit Februar geht es nun recht zügig abwärts mit der Seite (Robert hatte genau diese Entwicklung bereits im Dezember orakelt):
Umgekehrt zeigt sich bei Mymuesli, dass Seriensiege bei Wettbewerben und hohe Mediacoverage noch keinen positiven Traffictrend garantieren - ein transaktionsgestütztes Geschäftsmodell wie Mymuesli mag einen solchen Trend aber auch gar nicht unbedingt benötigen, wenn ein gewisses Niveau erreicht ist:
Eine gewisse Größe vorausgesetzt (die Seite sollte etwa in den Top 100.000 sein), kann man mit Alexa also durchaus brauchbare Trendanalysen fabrizieren.
Auch um ähnliche Webseiten miteinander zu vergleichen, eignet sich Alexa hervorragend. Die extrem starke Korrelation der Fierberkurven der konkurrierenden Hotel-Buchungsplattformen hotel.de und hrs.de beispielsweise zeigt nicht zuletzt, dass die Alexa-Durchdringung beider Kunden-Gruppen ähnlich ist und externe Effekte zu ähnlichen Schwankungen bei beiden Plattformen führen:
Bei halbwegs ähnlichen Seiten, das heißt vor allem Seiten mit ähnlicher Zielgruppe, lässt Alexa auch sehr gute Rückschlüsse auf die relative Größenordnung der Seite zu. Für eine geeignete Interpretation reicht es meistens aus, sich die Frage zu stellen: “Ist die Alexa-Toolbar in der Zielgruppe dieser Seite über- oder unterproportional häufig vertreten?” Ein krasses Beispiel ist Twitter. Laut Alexa gehört Twitter mom. fast zu den 500 größten Seiten der Welt. Das ist natürlich Quatsch - so beeindruckend der Erfolg des Micro-Blogging-Dienstes auch ist, so stark beschränkt sich dieser momentan noch auf extrem internet-affine Surfer - und diese haben eben sehr häufig die Toolbar installiert.
Als Nachweis der Untauglichkeit von Alexa wird auch häufig angeführt, dass sich die Statistik leicht manipulieren ließe (hier, hier und hier finden sich Anleitungen). Dies ist aber allein schon aus dem Grund kein gutes Argument, weil sich ja auch der Gegenstand der Untersuchung selbst, der Webseitentraffic, manipulieren lässt - viele Besucher zu erreichen ist nicht schwierig, entscheidend ist eben die Qualität des Traffic. Auch kann eine Manipulation den Alexa-Rank in der Regel nur temporär verbessern. Einen aufsteigenden Trend per Manipulation zu modellieren wäre dagegen zumindest sehr aufwändig - wer als Webmaster seine Energien konzentriert, statt einfach durch besseren Content für mehr Traffic zu sorgen, ist selbst schuld.






